Autoren und Literarische Werke


Defäkokratie von Carina Contreras

Es fließt über
All überall
Aus den Kanälen
Kriecht Totgewähntes
Die Bürger steigen eilig über
Das, was liegenließ
Wer zurückgelassen
Die Gassen bevölkerte
Die nun lavierend gentrifizieren
Entfolgt vervolkt
Kein Anschluss unter dieser Nummer
So laut kann Stummheit sein
Dass aus den Ohren quillt
Was jeden Gedanken
In die Flucht schlägt
Wer schreit für uns
In echt
Damit nicht weiter durch die Straßen läuft
Was wir
Vollgestopft
Nach der Tagesschau auskotzten

Carina Contreras
Carina Contreras

Über die Autorin:

Aufgewachsen in der Eifel, lebt und schreibt sie inzwischen in Aachen. Sie studierte Psychologie und arbeitet derzeit als approbierte Psychotherapeutin sowie an ihrer Promotion. Ihre literarischen Werke wurden in diversen Anthologien veröffentlicht. Zudem bloggt sie unter teakettlecat.com.


Der Sari  von Shubhangi Joshi

(Übersetzt von RK)

Er wird nicht nur an Hochzeiten, Feiern und Zeremonien getragen

Er wird auch auf der Baustelle getragen
Inmitten von Zement, Sand und Schotter
Unter der gnadenlosen Sonne
über einer ausgedörrten Kehle und blasigen Füßen

Er schimmert nicht immer in goldenem Brokat und goldener Seide
Er ist auch zerrissen und zerfetzt
Mit ausgefranztem Saum, verblichenen Farben
Und billigem Stoff

Er wird nicht immer ordentlich gefaltet und aufgesteckt

Er wird auch hastig in den Petticoat gestopft
wird hoch getragen, um Pfützen zu vermeiden
Der Pallu wird gebündelt und über den Kopf geworfen
Um Gewicht und Bausteine zu verbergen

Er ist nicht immer der Inbegriff der Anmut
Manchmal wird er mit Schmutz und Sand zusammengeflickt

Shubhangi Joshi
Shubhangi Joshi

Über die Autorin:

Shubhangi Joshi ist eine in Mumbai, Indien, ansässige Dichterin und Musikerin. Sie ist Autorin der Gedichtsammlung 'To Stir Up an Ornate Nest' (Authorspress, 2014) und Gewinnerin des Auszeichnungspreises der All India Poetry Competition 2014 (Indische Poesiegesellschaft). Ihre Gedichte sind in der Anthologie über Gender und Krankheit der Stanford Universität, Manushi, The Brown Critique, Poetry Quarterly, Levure Litteraire und anderen Journalen erschienen. Sie hat ihre Gedichte bei Veranstaltungen wie dem Tata Literary Festival and weiteren Festivals um Mumbai dargeboten. Ihre Gedichte wurden ebenso von Dichtern wie Janet Kuypers auf Dichter-Mikrophon-Veranstaltungen in den Vereinigten Staaten gesprochen. Ihre Werke fokussieren auf die Kritik und die Anfechtung der Sozialnormen Indiens mit besonderer Konzentration auf Indiens patriarchalischer Psyche.


Elegie  von James B. Nicola

(Übersetzt von RK)

Bringe dann die Dunkelheit mit dir mit;
Nimm teil an unserer Klage.
Verschwende nicht dieses reizvolle Wehgeschrei,
Indem du für dich alleine stöhnst.

Breite die Finsternis aus und verdunkele das Licht;
Unterhalte uns alle!
Wir werden die Geschichten des Schmerzes hören,
Die dir das Leben zugeteilt hat.

Beachte weder Abzeichen noch Uniform,
die sagt, unser Garten sei geschlossen.
Wir sind für Gäste heute Nacht da
Und haben dein Zimmer aufbewahrt

Hier, dein Name ist bereits eingeritzt worden!
Befruchte ihn gut
mit zwei lauten Lungen, einem blutigen Herzen;
wässere es mit Tränen;

Bringe uns gleichzeitig zum Weinen und Lachen:
Erschlage uns – bitte – noch einmal,
während du die Myrtenreihe zerfleischst,
dabei die Toten zuschüttend.

Habe keine Angst. Wir werden die Wolken teilen.
Nicht jetzt? Dann, in einem Mond.
Leid liebt Gesellschaft.
Wir erwarten dich bald.

 

(Vielen Dank an The Harrow und Finishing Line Press für die Erlaubnis, das Gedicht noch einmal zu veröffentlichen.)

James B. Nicola
James B. Nicola

Über die Autorin:

Der in Worcester, Massachusetts geborene James B. Nicola wohnt mittlerweile in New York City. Er ist ein Yale-Absolvent mit "cum laude"-Abschluss und Ruf, ferner Dirigent, Komponist, Lyriker und Bühnenautor. Seine Gedichte (bis zum heutigen Tage fast 800 Stück) erschienen in den Vereinigten Staaten in Veröffentlichungen wie Antioch, Southwest und Atlanta Reviews, Rattle, Tar River und Poetry East sowie in vielen Journalen in Europa (so beispielsweise im Transnational Vol. 5) und Kanada. Später leitete Nicola Poesie- und Theaterworkshops in Bibliotheken, Literaturfestivals, Schulen und Gemeindezentren im gesamten Land – besonders hervorzuheben ist das Kennedy Center/American College Theater Festival. Er steht ebenso gerne für Interviews, Gastauftritte und Lesungen zur Verfügung. Im November 2017 veröffentlichte er den wunderschönen und lesenswerten Gedichtband "Wind in the Cave" (Wind in der Höhle). Weitere drei Gedichtbände sind  Manhattan Plaza (2014), Stage to Page (2016) und Out of Nothing: Poems of Art and Artists (2018).


Einen Senior/eine Seniorin adoptieren von Rudolf Weiler

Ist es so, dass das Leben von Vielbeschäftigten schneller zu Ende geht oder scheint es nur so?

Kindheit, Jugend und das Erwachsensein vergehen in Windeseile. Ein hyperaktives Leben lässt uns wenig Zeit, die letzte Phase unseres Daseins zu überdenken und zu planen.

Ins Rentenalter zu gelangen hat seine schönen Seiten, es gibt aber auch Schattenseiten und Enttäuschungen. Das “Retired Husband Syndrome” ist bestens bekannt und es ist frustrierend für beide Partner. Zuerst erlaubte ich mir gar nicht, an einen “Ruhestand” zudenken, aber ich machte Pläne und Witze darüber.

Ich arbeitete zwei Jahre über das Pensionierungsalter hinaus, dann gründete ich einen Ein-Mann-online-Verlag, fand aber bald heraus, dass dies meine Möglichkeiten überstieg. Darauf renovierte ich die Hälfte unseres grossen Hauses und arbeitete wie verrückt in unserem Garten. Alles umsonst.

Leider gelang es mir nicht, meine zwei Enkelkinder mehr als zwei oder dreimal im Jahr kurz zu sehen: grosse Enttäuschung. Reisen kommt aus verschiedenen Gründen nicht in Frage. Und Twitter und Facebook waren natürlich kein Ersatz für ein spärliches Sozialleben. Was nun? Da meine Frau sich über meine Hyperaktivität beklagte, suchte ich nach neuen Ideen.

Als Lehrer war ich während meines ganzen Berufslebens in Kontakt mit jungen Leuten. Nun traf ich zwei ältere Menschen, die beide schon in ihren späten Achtzigern waren. Beide sind total fit und aktiv. Tiefe Freundschaften entwickelten sich in kurzer Zeit zu beiden. Gemeinsame Interessen (Musik, Kunst) und Humor, den wir teilen, macht unser Leben angenehmer.

Die eine, unsere Nachbarin (88) lebt seit Jahrzehnten allein in ihrem Haus und Garten. Sie tätigt noch ihre Einkäufe und geht in die Stadt, um in die Oper, in Konzerte oder sogar an Generalversammlungen von Firmen zu gehen, bei denen sie Aktien hat. Zu gerne würde sie nochmals eine Kreuzfahrt buchen, aber allein macht es keinen Spass. Sie abhören, Kaffee trinken und etwas witzeln erheitert uns beide.

Der Künstler und Autor (86), den ich vor einigen Jahren kennenlernte, ist ein unglaublicher Zampanoo und ein kreatives Supertalent. Er sollte weltbekannt sein, aber muss heute sogar um etwa Anerkennung in seiner Heimat kämpfen. Er reiste intensiv und lebte unzählige Male im Ausland, malte und zeichnete Tausende von Kunstwerken im Stile von Pop-Art/Dada/Surrealismus und Symbolismus. Er schrieb den wohllängsten Schweizer Roman mit fast 2000 Seiten. Ihn adoptieren heisst, dass ich seine neuen Texte lektoriere und Papierkram für ihn erledige...
Beide leben ihr Leben nicht schmerzfrei, aber ohne sich zu beklagen. Ich adoptierte sie, wie man ein armes Kind in Afrika adoptieren kann. Beide sind nicht arm, aber auch nicht begütert.

Allgemein können wir sagen, wir können jeden Tag jemanden “adoptieren”, Fremde, Flüchtlinge, die Menschheit schliesslich.

Über den Autor:

Rudolf Weiler, Dr. phil. schrieb seine Doktorarbeit mit Begeisterung über Nabokovs Romane, veröffentlichte drei Sammlungen von Kurztexten und literaturkritische Arbeiten. Er arbeitete über 40 Jahre als Lehrer für deutsche, französische und englische Sprachen und Literaturen. Heute ist er online Autor, Blogger, Korrektor und Übersetzer. Er engagiert sich für die Grüne Partei, für klimagerechte Waldnutzung, Landwirtschaft, Menschenrechte und Demokratie.